Ein Akt der Höflichkeit

mog61 hilft Eichhörnchen und anderen kleinen Tieren auf den Friedhöfen am Halleschen Tor

Diese Geschichte reicht schon ein ganzes Jahr zurück. Damals entdeckten Mitglieder von mog61 ihr Herz für die Friedhöfe am Halleschen Tor. Von neuem, muss man eigentlich sagen. Denn natürlich kennen wir diese wunderbaren Friedhöfe mit ihren großen, alten Bäumen, den alten Gräbern und ihren Mausoleen mitten im vierspurig strömenden Autoverkehr. Aber es ist noch etwas anderes, wenn man sich wirklich Zeit nimmt, in aller Ruhe auf eine Bank setzt und allmählich ein Auge für das bunte, vielfältige Leben um einen herum bekommt.

Für die Eichhörnchen natürlich, für die Revierkämpfe der Nebelkrähen, die Gartenrotschwänzin, die ihre Jungen füttert, den Fuchs, der aus dem Wilden Wein herausschaut. Wenn man Glück hat, entdeckt man in einem verlassenen Mauseloch vielleicht ein Hummelnest und irgendwann fällt einem auch auf, dass sich jemand auf diesen Friedhöfen hinreißend darum kümmert, dass im trockenen Sommer überall Trinkschalen für durstige Vögel stehen, dass sie immer gefüllt sind - und von da aus fällt der Blick zwangsläufig auf die großen kreisrunden Waschbeton-Becken mit dem Wasser zum Blumengießen.

Sie haben glatte Wände, das Wasser steht nicht immer bis zur Oberkante und da taucht natürlich die Frage auf, was so ein kleines Eichhörnchen oder ein Vögelchen oder sonst ein kleines Tier macht, wenn es da aus Versehen hineingefallen ist und nicht mehr herauskommt. Nun ist es nicht weiter schwierig, da jeweils einen dicken Ast hinzustellen, versehen mit einem Hinweis, wozu er da ist und dass er doch bitte nicht geklaut werden soll. mog61 holte sich Rat bei befugten Stellen. Ansgar Poloczek vom Nabu schrieb: "Ausstieghilfen in den Betonbecken wären sicherlich sinnvoll." Und für den BUND meinte Verena Fehlenberg: "Die Ausstieghilfen sind eine gute Idee und sollten unserer Meinung nach Pflicht sein!"

Also eine klare Faktenlage. Nun verhandelten wir mit dem Evangelischen Friedhofsverband Berlin Stadtmitte, Region Süd, denen die Friedhöfe gehören. Das zog sich eine Weile hin, weil immer wieder einer von ihnen oder einer von uns im Urlaub war. Aber Ende Oktober bekamen wir schließlich grünes Licht. Auch die Gärtner vor Ort waren einverstanden. Wir bedanken uns an dieser Stelle ausdrücklich bei Herrn Wagner, Frau Körber, Frau Müller, Frau Waag und Herrn Körber für die angenehme Kooperation. So. Jetzt ging es an die Arbeit.

Jan (zweites und drittes Bild von oben) ist von Beruf Baumpfleger und hatte uns freundlicherweise 25 Äste versprochen. Letzten Samstag brachte er sie am Friedhof vorbei und kürzte ein paar Ausreißer gleich noch mit Helm und Motorsäge professionell auf die richtige Länge. Uwe (links im Bild mit Marie) hatte hübsche Messingschilder mit einem schönen mog61-Aufdruck besorgt (Messing, nicht Gold! Stehlen lohnt wirklich nicht!). Mit seinem Akku-Schrauber brachten wir dann in einer gemeinsamen Anstrengung alle zusammen die Schildchen auf den Ästen an.

Jetzt mussten sie nur noch mit der Schubkarre auf dem zugebenermaßen ziemlich weitläufigen Gelände verteilt werden (rechtes Bild: Marie). Die Friedhöfe am Halleschen Tor haben insgesamt 27 Wasserbecken, davon wurden jetzt 25 mit einem Notausstieg für kleine Tiere ausgestattet. Die fehlenden zwei Äste werden in den nächsten Tagen nachgeliefert, auch sind einige Äste wohl immer noch ein wenig zu lang.

Demnächst wird das Wasser aus den Becken jahreszeitbedingt abgelassen, was aber nichts Grundsätzliches an der Situation ändert, da auch ein leeres Becken mit glatten Wänden ein unüberwindliches Hindernis sein kann. mog61 bittet deshalb alle Friedhofsbesucher darum, den Sinn dieser Äste zu verstehen und sie dort zu lassen, wo sie sind. Wir glauben natürlich nicht, dass wir mit diesen Ausstiegshilfen die Welt retten. Vielleicht wird damit überhaupt niemand gerettet - es gibt unseres Wissens keine Statistik, ob überhaupt und wenn ja, wie viele Tiere in den Wasserbecken am Halleschen Tor jährlich ertrinken.

Immerhin berichtet Herr Haag, der dort regelmäßig Führungen veranstaltet, ein kleiner Fuchs sei schon einmal in so einem Becken gestorben. Künftig wird er das nicht mehr tun. Dabei geht es nicht eigentlich um eine "gute Tat" oder etwas ähnliches. Eher ist es aus unserer Sicht eine grundsätzliche Entscheidung: Ein Friedhof, wo tote Menschen ruhen und lebende Menschen um Tote trauern und ihre Gräber pflegen, sollte ein ökologischer Ort sein - ein Ort der Aufmerksamkeit und der gegenseitigen Rücksichtnahme. Wir empfinden die neuen Notausstiege vielleicht am ehesten als einen Akt der Höflichkeit. Es ist uns bewusst, dass wir diese wunderschönen, geschichtsträchtigen Friedhöfe mit anderen Lebewesen teilen, wir machen darauf aufmerksam und wir wollen - im Rahmen unserer Möglichkeiten - keine Gefahr für sie sein.